Wien, am 15.September (OTS) – Eine neue wissenschaftliche Auswertung
amtlicher Messdaten zeigt eine
deutliche Zunahme der TFA-Belastung im österreichischen Grundwasser.
Die Konzentration der Ewigkeitschemikalie Trifluoressigsäure (TFA)
ist an allen 16 wiederholt untersuchten Messstellen innerhalb von
rund fünf Jahren gestiegen – im Mittel von 1,36 auf 2,86 Mikrogramm
pro Liter. An keiner einzigen Messstelle blieb sie gleich oder ging
zurück.
„Diese Zahlen offenbaren nicht nur ein Belastungsproblem, sondern
eines, das sich rasch verschärft. Genau diese Kombination aus bereits
hohen Konzentrationen und weiterem Anstieg macht den Befund so
beunruhigend. Wir müssen diesen Anstieg dringend bremsen. Ein
zentraler Hebel ist der Ausstieg aus PFAS-Pestiziden und fluorierten
Gasen“, erklärt Helmut Burtscher-Schaden, Erstautor der Studie und
Umweltchemiker bei GLOBAL 2000.
Die Analyse von Helmut Burtscher-Schaden (GLOBAL 2000), Thilo
Hofmann (Universität Wien), Angeliki Lyssimachou (PAN Europe),
Mattias Öberg (Karolinska Institutet) und Hans Peter Arp (Norwegian
Geotechnical Institute / NTNU Trondheim) wurde in einem gemeinsamen
wissenschaftlichen Preprint veröffentlicht. Die zugrunde liegenden
Messdaten hat das Landwirtschaftsministerium (BMLUK) auf Anfrage von
GLOBAL 2000 nach dem Umweltinformationsgesetz offengelegt.
Höchste Belastung in ackerbaulich geprägten Regionen
Insgesamt untersuchte das BMLUK in beiden Messprogrammen jeweils
rund 100 Grundwassermessstellen, überwiegend an unterschiedlichen
Standorten. „Die höchsten mittleren TFA-Konzentrationen zeigten sich
2024 – wie bereits 2018/2019 – in den ackerbaulich stark geprägten
Bundesländern Burgenland, Niederösterreich, Oberösterreich und
Steiermark. Deutlich niedrigere TFA-Werte fanden sich in Vorarlberg,
Tirol, Wien, Salzburg und Kärnten“, berichtet Burtscher-Schaden, der
die TFA-Belastungen auch mit Nitrat- und Pestizidrückständen
verglichen hat.
Wo hohe TFA-Konzentrationen gemessen wurden, waren überwiegend
auch die Belastungen mit Nitrat und Pestizidrückständen höher.
Burtscher-Schaden: „Dieses räumliche Muster ist ein weiterer Hinweis
auf einen deutlichen Beitrag von PFAS-Pestiziden zur TFA-Belastung
des Grundwassers in ackerbaulich geprägten Regionen.“
Deutlich über dem EU-Grenzwert und fortpflanzungsgefährdend
Für toxikologisch relevante Abbauprodukte von Pestiziden gilt im
Grundwasser ein EU-Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter. TFA ist
ein solches toxikologisch relevantes Abbauprodukt. Die mittlere TFA-
Konzentration an den 2024 untersuchten Messstellen lag bei 2,4
Mikrogramm pro Liter – rund 24-mal über diesem Wert.
Auch die toxikologische Bewertung hat sich verschärft: Im Juni
2026 empfahl die EU-Chemikalienagentur ECHA, TFA als
fortpflanzungsgefährdend der Kategorie 1B. Folgt die EU-Kommission
dieser Empfehlung, gilt TFA europaweit als giftig für die
Fortpflanzung. Im Juli senkte die EU-Lebensmittelbehörde EFSA die
akzeptable tägliche Aufnahmemenge um mehr als 70 Prozent.
Mattias Öberg, Toxikologe am schwedischen Karolinska Institutet
und Ko-Autor der Studie: “Was in Österreich gemessen wurde, ist mehr
als ein lokaler Befund: TFA reichert sich weltweit an, und was heute
entsteht, bleibt im Wasserkreislauf. Die entscheidende Frage ist
nicht nur, ob die heutigen Konzentrationen bereits schädlich sind,
sondern auch, welches Niveau wir künftigen Generationen hinterlassen.
Wer erst handelt, wenn gesundheitsbasierte Richtwerte überschritten
sind, hat die Entscheidung längst getroffen.”
Was jetzt zu tun ist
GLOBAL 2000 fordert von Bundesregierung und EU-Kommission einen
raschen Ausstieg aus PFAS-Pestiziden und eine entschlossene Umsetzung
des europäischen PFAS-Gruppenverbots („Beschränkungsvorschlag“).
Zudem braucht es ein dauerhaftes TFA-Monitoring mit wiederholten
Messungen an denselben Standorten. Denn an die nun vorliegenden
Befunde knüpft das europäische Wasser- und Pestizidrecht konkrete
Handlungspflichten, die in die direkte Verantwortung des
Landwirtschaftsministeriums fallen.
„Wenn toxikologisch relevante Abbauprodukte von Pestiziden das
Grundwasser über 0,1 Mikrogramm pro Liter belasten können, müssen die
betreffenden Zulassungen überprüft und gegebenenfalls geändert oder
aufgehoben werden. Die österreichischen Ergebnisse sind deshalb auch
ein Warnsignal für die EU: Andere Mitgliedstaaten sollten ihre
Grundwasserdaten auf vergleichbare Entwicklungen prüfen und die
Einträge von TFA und seinen Vorläuferstoffen konsequent reduzieren“,
sagt Angeliki Lyssimachou, Senior Scientist bei PAN Europe.
Amtliche Berichte zeigen den TFA-Anstieg nicht
Das BMLUK hat beide Messserien in seiner eigenen Berichtsreihe
veröffentlicht. Miteinander verglichen wurden sie dort nicht – der
Anstieg bleibt in den amtlichen Berichten unsichtbar. „Politik und
Behörden müssen die menschliche Gesundheit und unsere
Wasserressourcen vor dauerhafter chemischer Belastung schützen. Das
heißt jetzt: PFAS-Pestizide vom Markt nehmen und Bäuerinnen und
Bauern beim Umstieg auf Alternativen unterstützen.
Landwirtschaftsministerium und Landwirtschaftskammer müssen dafür die
nötigen Rahmenbedingungen schaffen. Dass dieser deutliche Anstieg der
TFA-Belastung in den amtlichen Berichten nicht vorkommt, ist
erklärungsbedürftig. Wir werden dieser Frage nachgehen und dazu in
den kommenden Tagen weitere Informationen vorlegen“, sagt Alexandra
Strickner, Politische Geschäftsführerin von GLOBAL 2000.
Fakten
– TFA ist ein ausgesprochen mobiles PFAS. Es wird in der Umwelt
praktisch nicht abgebaut und lässt sich mit herkömmlicher
Trinkwasseraufbereitung kaum entfernen. Es entsteht unter anderem
beim Abbau fluorierter Pestizide, Kältemittel, Arzneimittel und
Industriechemikalien.
– Die Höhe der TFA-Belastung im Grundwasser ist ohne Beispiel: An 104
Messstellen mit Daten zu beiden Parametern lag die mittlere TFA-
Konzentration 264-mal so hoch wie die mittlere Summe der übrigen 27
PFAS, die an denselben Messstellen 2022 gemessen wurden.
– Im Vergleich der beiden vollständigen Messserien lag die
durchschnittliche TFA-Belastung 2024 mit 2,42 Mikrogramm pro Liter
mehr als dreimal so hoch wie 2018/2019 mit 0,78 Mikrogramm pro Liter.
Weil dabei jedoch überwiegend unterschiedliche und gezielt
„belastungsorientiert“ ausgewählte Messstellen beprobt wurden, ist
dieser Vergleich kein Beleg für den zeitlichen Trend. Belastbar ist
die Verdopplung an den 16 wiederholt beprobten Messstellen.
Das Preprint wurde auf chemrxiv.org veröffentlicht.
Das Factsheet zur Analyse finden sie hier.
Detailinformationen zu den einzelnen Bundesländern auf Anfrage an
presse@global2000.at